Webciety: Wir sind schon länger Echtzeitjournalisten
Mit einem fein vorbereiteten Foul hat mich Sascha Lobo am Dienstag auf der CeBIT in der Webciety befragt. Wir sprachen über Echtzeitjournalismus und den Flatterband-Hinweis eines HAZ-Lesers per Twitter, der letztlich in unserer Berichterstattung über einen Konzertauftritt eines US-Stars auf der CeBIT mündete. “Immerhin”, urteilte Sascha süffisant. “Das war von gestern. Für Print ist es fast wie heute” (im Video ab Minute 3:00).
Hier geht es zum Video: Auf der Webciety-Seite bitte auf den 4. März klicken und dort zu “Interaktiv – Redaktion 2.0″ scrollen; das Video ließ sich leider hier nicht direkt einbetten.
Lieber Sascha, ich wünsche jedem Online-Publizisten einmal ein Praktikum in einer Print-Redaktion, vorzugsweise im Sport an Tagen der Champions League. Da rocken die Redaktionen wie TV in Printadaption. Texte werden mit dem Schlusspfiff fertig und im Team mehrfach binnen Minuten überarbeitet.
Print sei langsamer als Echtzeitjournalismus? Selbstverständlich ist das so, wenn man es vom Ende her betrachtet. Im Prozessigen des Nachrichtenflusses ist das aber irrelevant. Prozess ist ganz häufig gar nicht das, was die Leser wünschen. Sie wünschen in der Mehrzahl etwas Festgehaltenes, die Orientierung, einfach den Stand der Dinge. Das bedienen wir.
Die wahren Echtzeitjournalisten sind die Printkollegen, und das sind fast alle von uns. Das sieht man nicht nur während der Champions League. Wenn am Abend der Polizeihubschrauber über einem Stadtteil kreist, möchten unsere Leser am liebsten in Echtzeit wissen, was da los ist. Kein Onliner wird dafür einen Apparat parat halten. Aber wir, die Zeitungen, machen das: Unser Fotograf ist unterwegs, der Polizeireporter alarmiert, der Onliner bereitet es auf. Das alles machen wir so angeblich langsamen Printjournalisten bereits. Es klappt nicht immer, aber immer öfters. Wo waren denn die sozialen Medien heute Abend? In der Tendenz mag da etwas kommen, doch am Ende fragen viele weiterhin bei der Zeitung nach. Schließlich halten wir den Nachrichtenapparat dafür bereit. So etwas steht morgen in der Zeitung, seit vorhin online.
Gereifte Nachrichten
Viele andere Nachrichten sind dagegen erst dann gut, wenn sie reifen: wenn Diskussion und Bewertung in der Redaktion stattfinden, wenn man sich die Zeit dafür nimmt, eine wohlgesetzte Beurteilung abzugeben. Bei der HAZ haben wir für so etwas unter anderem die Spalte rechts auf der Titelseite, auf der stets auf 125 Zeilen das Geschehen mit Abstand betrachtet wird: Wir nennen diesen Text Leitartikel.
Auch das schreiben Echtzeitjournalisten: Noch während des Verfassens solcher hervorgehobener Texte, auf die wir besonders achten, fließen weitere Informationen ein — Meinungen von Kollegen, aktuelle Meldungen von anderen Medien, die Stimmung aus Leserkommentaren, manchmal sogar ein Tweet. Zum Zeitpunkt X ist dies der Stand der Dinge und der Einschätzung, verfasst mit dem Ziel, auch noch drei Tage oder drei Wochen später sinnfällig statt hinfällig zu sein.
Das unterscheidet den Echtzeitjournalisten vom Echtzeitweb. Im Web sind die Hinweise auf Nachrichten viel schneller da, als es je eine Redaktion vorbereiten könnte. Doch sind und bleiben wir Journalisten diejenigen, die mit anderen Maßstäben vorgehen: die eine Nachricht auch einmal weglassen, wenn sie nicht verifizierbar ist. Die Slow Media betreiben, weil es andere, durchdachtere Texte hervorbringt. Die auf der anderen Seite aber auch Hinz und Kunz in Gang setzen, wenn es die Brisanz erfordert. Twitter & Co. sind dafür vorzügliche Hilfsmittel, aber eben nur Hilfsmittel.
Wochenzeitungen und Wochenmagazine haben das gegenüber Tageszeitungen auch schon ausgehalten. Und die waren nicht von gestern, sondern vom letzten Donnerstag oder Montag. Für Onliner ist so etwas häufig wie heute.
Marcus Schwarze (msc), Jahrgang 1969, schreibt für die HAZ seit den Anfängen der Digitalen Revolution Mitte der neunziger Jahre über ihren Nutzen, ihre Ausprägungen und Auswirkungen sowie über ihre Gefahren.
Naaja, ganz so ist es nun doch nicht.
In dem Beitrag wird eine Dichotomie aufgestellt die es so nur bedingt gibt, nämlich Social Media (Wo waren denn die sozialen Medien heute Abend?) vs. Journalismus (Schließlich halten wir den Nachrichtenapparat bereit). Tatsächlich verläuft der Spalt aber eher zwischen Online (wozu auch haz.de und twitter.com/homofaber gehören) und Offline (gedruckte Haz). Dass ein und der selbe Reakteur beide Bereiche bedienen kann ist dabei kein Widerspruch.
Es bleibt imho festzuhalten: ein Print-Artikel wird nicht dadurch zum Echtzeitjournalismus, dass während seiner Erstellung getwittert, recherchiert, redigiert und ein Redaktionsschluss beachtet wird. Vom Moment der Deadline an altert er, so dass man am nächten Morgen tatsächlich “gereifte Nachrichten” erhält (was ja nicht notwendigerweise schlecht sein muss). Umgekehrt gedacht: da jeder redaktionelle Beitrag aufgrund der Gesetze der Physik in Echtzeit erstellt wird, wäre eigentlich jeder Journalismus Echtzeitjournalismus. Das kann man so sehen, es wäre aber eine Umdefinition des Begriffs hin zu einem Totschlagargument. Der tatsächliche Unterschied wurde doch oben genannt: Printjournalismus = Festgehaltenes, Echtzeit-Journalismus (online) = Prozess – im Idealfall. Dass in der Realität selbst falsche Web-Artikel meistens genausowenig aktualisiert werden wie ihre Printversion steht dann auf einem anderen Blatt, dem nämlich auf dem die Frage nach “Qualitätsjournalismus” gestellt wird. Dieses Fass lasse ich aber lieber zu.
Die Frage muss aber doch erlaubt sein, welches Geschäftsmodell auf Dauer tragfähig ist. Gäbe es heute keine gedruckten Zeitungen, wäre die Idee, die Nachrichten “von gestern” auszudrucken und mit riesigem logistischen Aufwand den Menschen ins Haus zu bringen, zum Scheitern verurteilt. Daher fragt man sich auch als überzeugter Abonnent, ob es das in zehn Jahren noch geben wird (laut Dr. Steve Garnett auf der CeBIT unterschätzen wir die Entwicklung, die in zehn Jahren möglich ist). Wenn die Tageszeitung aber digital kommt, werden die Benutzer automatisch nach mehr Aktualität verlangen. Dann muss die Bundesliga-Tabelle spätestens nach Schlusspfiff aktuell sein. Die neuesten Entwicklungen nach der Schießerei in Groß-Buchholz will man dann lesen. Bereits heute beschweren sich Nutzer des Kindle, dass ihre FAZ veraltet und nur einmal täglich auf dem Gerät ankommt.
Gleichzeitig werden die Leute nach Einordnung verlangen, nach Meinung. Dies wird die Wochenzeitungen und Magazine beflügeln, warum nicht auch lokal? Ob es die dann noch auf Papier geben wird, ist eine spannende Frage.
Mal abgesehen davon, dass zwischen Abpfiff und Leseerlebnis immer noch sechs bis zehn Stunden liegen – das Echtzeitargument mag ja für den Sport gelten. Aber wenn ich es vom Ergebnis her betrachte, sprich: mir die Zeitung Seite für Seite ansehen, habe ich das Gefühl, dass die Zeitung eher an die 36 Stunden hinter meinen Nachrichtenströmen hinterherhinkt, die ich per Twitter und Facebook empfange. In meiner Wahrnehmung hinken besonders die Lokalteile und die Panorama-/Aus-Aller-Welt-Seiten ziemlich hinter der Echtzeit hinterher. Und die Mär, dass dafür eine Menge Hintergrund drinsteht, würde ich nicht blanko unterschreiben. Bei den Webseiten bin ich mir bei einigen Häusern nicht sicher, ob die schon im “publish-then-filter”-Zeitalter angekommen sind, ich finde in aller Regel die Texte zu kurz, zu wenig verknüpft und vor allem ausgewählt (”filter, then publish”) statt einsortiert.
[...] Darauf folgte ein kurzes Gespräch mit Sascho Lobo und Marcus Schwarze (@homofaber) von der HAZ über „Journalismus im Echtzeit-Web”. Von der Idee her ganz gut, aber bei der kürze nicht sonderlich sinnvoll. Aufgegriffen wird das Thema aber noch einmal im Blog bei der HAZ. [...]
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