Das Wundertablett
Neun Stunden vor dem großen Moment machten einige Spaßverderber weltweit Ärger. Jason Calacani zum Beispiel, Investor aus dem Silicon Valley, veröffentlichte über den Kurznachrichtendienst Twitter zahlreiche Details des neuen Tablett-Computers, den Apple-Chef Steve Jobs wenig später im Yerba Buena Center for the Arts Theater in San Francisco vorstellen sollte. Er habe das Gerät bereits zehn Tage nutzen können, schrieb der in Kalifornien angesehene Unternehmensgründer.
Im Minutentakt gab er weitere Details jenes Gerätes heraus, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht bekannt waren, und binnen Minuten elektrisierte er seine Leser, stahl Jobs vorab die Schau. Der Tablett-Computer werde einen zehn Zoll großen Bildschirm enthalten, hieß es da, es könne über ein Funknetz Seiten aus dem Internet aufrufen und Texte und Bilder über einen leuchtenden Bildschirm in so genannter OLED-Technik, also einer besonders leuchtstarken Version, darstellen. Auch hochauflösendes Fernsehen sei darstellbar, normales Telefonieren sowieso. Der Nutzer werde sich mit seinem Fingerabdruck statt mit einem Kennwort authentifizieren, außerdem seien zwei Kameras enthalten, mit denen Videotelefonate möglich werden. Und zusätzlich, so versprach Calacani, gebe es einen gesonderten Modus zum Lesen von E-Books, den elektronischen Büchern und Zeitschriften.
Gerade dieser besondere E-Book-Modus ist es, auf dem die Hoffnung mehrerer Branchen basiert: Zeitungsverleger, Magazinherausgeber, Journalisten und Buchautoren in aller Welt beobachten mit Argwohn die sich ändernden Lesegewohnheiten vieler Kunden. Übers Handy und den PC greifen die Nutzer immer häufiger zu Inhalten aus dem Internet, manche wenden sich vom Papier als Trägermedium ab.
Wenig gemeinsam mit hrekömmlichem Lesen am Monitor oder auf dem Handyy
Und tatsächlich: Wer einmal eines der neuartigen Lesegeräte mit besonders augenschonender, neuartiger Darstellungstechnik gesehen hat, dürfte sich sehr gut vorstellen können, auch längere Texte an solchen neuartigen Geräten zu lesen – mit dem klassischen Monitorbild oder den winzigen Displays auf Mobiltelefonen sind etwa der bereits jetzt verfügbare Tablettcomputer namens Kindle von Amazon.com oder der E-Reader von Sony nicht mehr zu vergleichen. Was noch fehlt, ist bislang Farbigkeit (die Geräte beherrschen nur Graustufen) und eine sprichwörtlich einfache Bedienung. Auch die Mediengruppe Madsack erprobt gemeinsam mit anderen Unternehmen der Branche solche neuartigen Lesegeräte.
Farbdarstellung und Bedienbarkeit nehmen beim Lesegerät von Apple nun Gestalt an. Das Unternehmen hat große Erfahrung mit der sprichwörtlich einfachen Bedienung technischer Geräte, und es hat mit dem iPhone bekanntlich einen großen Einstandserfolg als Mobiltelefonhersteller erzielt, weil es die Bedienung radikal vereinfachte. Praktisch nebenbei hatte das Unternehmen aus Cupertino schon zuvor die komplette Branche der Musikindustrie mitgenommen: Damals, als die großen Musikvertriebe sich mit Raubkopien aus dem Internet herumschlug, erfand Apple im Jahr 2001 mit dem iPod eine einfache Kaufmöglichkeit für Musik in einem Internet-Verkaufsshop – und konnte die teils dramatischen Verluste der Musiker zumindest eindämmen. Der Grund: Apple gelang es, den Nutzer in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn die Angebote nur simpel genug zu bedienen seien, so das Kalkül, würden die Nutzer durchaus dazu bereit sein, für einzelne Dinge wie etwa eine Musikaufnahme als MP3-Datei zu bezahlen.
“Paywall”? Oder suchen sich die Leute ihren Lesestoff dann woanders
Gleiches, so die Vorstellung vieler Verleger, könnte nun mit Zeitungs- und Zeitschrifteninhalten geschehen, die nach bisherigem Stand der Internet-Entwicklung größtenteils kostenfrei im Internet angeboten werden. Lediglich für 1:1-Inhalte aus den Zeitungen, dem E-Paper, hat sich weltweit die Erkenntnis durchgesetzt, dass es sich um Inhalte handelt, die bezahlenswert sind – etwa in Form eines Abonnements. Umstritten ist dagegen, ob über das E-Paper hinaus eine so genannte Paywall, eine Bezahlschranke für sämtliche internetgerecht gestaltete Inhalte im Netz, bei den Lesern Zuspruch findet – oder ob sich viele Nutzer „ihren“ Lesestoff dann einfach bei anderen, kostenlosen Anbietern suchen. Die weltweit angesehene Zeitung „New York Times“ hat die Einführung einer solchen Schranke für das Jahr 2011 angekündigt (wobei manche sagen, sie hat diese Einführung bis dahin verschoben), und der australisch-amerikanische Verleger Rupert Murdoch will für sein komplettes Medienimperium Bezahlkassen im Web einführen. Experten wie der Medienbeobachter Jeff Jarvis halten diese Überlegungen jedoch für fatal, die Nutzer würden sich nach seiner Einschätzung der Internet-Nutzung nicht darauf einlassen.
Auf der anderen Seite erzielen die ersten neuen Dienste wie etwa Amazon mit seinem elektronischen Lesegerät Kindle beachtliche Erfolge. So erzielte der Dienst mit seinem Tablettcomputer im Jahr 2009 mehr als 125 Millionen US-Dollar Umsatz, nachdem es im Vorjahr noch 55 Millionen Dollar waren. Bücher dafür bringt das US-Unternehmen vorranging in den USA auf den Markt – zu Preisen wie zum Beispiel 9,99 Dollar. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil fdür das Unternehmen dabei: Das Buch ist in seiner digitalen Form an das Lesegerät gebunden und kann so nicht ohne Weiteres weitergereicht werden. Mehrfachleser findet ein elektronisches Buch anders als das gedruckte somit kaum.
Eine komplett andere Mediennutzung
Dabei ist für Apple der Einstieg in den Markt der Lesegeräten auch wieder nur ein weiterer Anfang – es ist der Einstieg in eine komplett veränderte Mediennutzung. Denn so ein bequem zu handhabender Sofacomputer taugt nicht nur zum Zeitunglesen und Internet-Surfen, über die Funkvernetzung können noch völlig neue Spielarten entwickelt werden. Übers iPhone etwa sind schon jetzt vor allem Spiele populär, die eine gegenseitige Vernetzung erlauben. Eine Partie des Kartenspiels „Uno“ lässt sich so in dessen virtueller Entsprechung auf dem Apple-Gerät auch mit anderen Nutzern im heimischen Funknetz oder weltweit irgendwo im Internet spielen.
Und Spiele, das haben schon viele Beispiele gezeigt, können zum Motor einer ganzen Gattung neuer Medien werden. So wird etwa der riesige Erfolg des sozialen Netzwerks Facebooks in der ganzen Welt auch durch ein Spiel getragen, für das Marc Pintus verantwortlich zeichnet: „Farmville“, eine simple Baunerhofsimulation, hat sich unter Facebook-Nutzern weltweit zum Renner entwickelt. Durch interaktive Elemente und eine enge Verknüpfung mit Facebook werden Nutzer immer wieder dazu ermuntert, bei Freunden aus dem echten Leben auf deren virtuellen Bauernhöfen nach dem Rechten zu sehen, Da rollt dann auch für Pintus und seine Firma Zynga der Rubel – denn einige Spieler sind durchaus bereit, in dieser virtuellen Bauernhofumgebung echtes Geld gegen Spielgeld einzutauschen. Man muss es den Spielern nur so einfach wie möglich machen – und da ist Pintus auf dem neuen Apple-Tablett ganz zu Hause.
Marcus Schwarze (msc), Jahrgang 1969, schreibt für die HAZ seit den Anfängen der Digitalen Revolution Mitte der neunziger Jahre über ihren Nutzen, ihre Ausprägungen und Auswirkungen sowie über ihre Gefahren.
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Patrick Steinke ✔, Marcus Schwarze und Christoph Salzig, Michael Thomas erwähnt. Michael Thomas sagte: 170 Zeilen kalt übers Apple-Tablett geschrieben – für die Leser am Bahnhof in München http://j2j.de/bjrW4H (via @homofaber) [...]